Montag, 8. Oktober 2018

Blog-O-Quest #37: No-Gos

Nachdem ich es letzten Monat wieder total vergessen habe, habe ich mich direkt hingesetzt und die Fragen der diesmonatlichen Blog-O-Quest beantwortet. Es gehts ums Thema No-Gos beim Rollenspiel, ein sehr brisantes und interessantes Thema, über das viel gestritten und diskutiert wird.


1. Gibt es Menschen, mit denen Du nicht gemeinsam an einem Spieltisch sitzen möchtest? Welche sind das und wie gehst Du damit um?

Mir sind auf diese Frage auf Anhieb zwei Dinge eingefallen: 1. Ex-Freunde. Das ist irgendwie merkwürdig und vor allem, wenn man frisch auseinander ist, kein besonders angenehmes Gefühl. 2. Es gab mal einen Spieler, der irgendwie meinte, einen Machtkampf mit mir und den anderen Spielern austragen zu wollen. Dauernd versuchte er, Sonderrechte für sich einzuräumen, hat andere Charaktere gepiesackt bis es zu OT Konflikten kam und hat auch dauernd alle NSC herausgefordert und angemacht, wo es nur ging. Damals war ich noch zu unerfahren, um etwas dagegen zu tun, heute würde eine solche Person wohl nicht mehr zu den Runden eingeladen werden. Das kann ein temporärer Ausschluss mit zweiter Chance sein, oder aber dauerhaft, je nachdem, wie der Spieler agiert. Auch Leute, die das Spiel absolut nicht ernst nehmen (wir spielen viel Horror und Psychological Horror) und nur herumalbern, würden wohl nicht passen. Ein Späßchen in angemessenen Situationen ist okay, aber bitte nicht durchgehend.

2. Was geht für Dich am Spieltisch nicht? Alkohol, fettige Pommes, lautstarkes Rülpsen oder Körperkontakt? Wie ist das vereinbart?

Ich glaube, explizite Vereinbarungen haben wir nie getroffen. Wenn irgendjemand etwas macht, was stört, wird eher gesagt "Bitte mach das nicht nochmal/bring das nicht nochmal mit" oder so. Ungeschriebenes Gesetz ist, dass sich keiner betrinkt. Das hatte ich mal in einer früheren Runde und das habe ich denen auch anschließend gesagt. Ansonsten kommen Verbote auch darauf an, was wir gerade machen. In unseren KDM Runden - ein Tabletop Game mit Miniaturen - hat der SL explizit Essen verboten, welches krümelt, fettet oder klebt, außerdem durften keine Getränke auf den Tisch gestellt werden. Mit Körperkontakt haben wir eher wenig Probleme, da wir einige Larper dabei haben, aber der Tisch ist auch etwas zu groß, um sich großartig anzufassen.

3. Was geht für Dich in-game nicht? Gibt es Tabus zu Themen oder Handlungen? Und wie kommunizierst du das?

Es gab bisher nur eine einzige Situation, in der ich mich wirklich so unwohl gefühlt habe, dass ich am liebsten vom Tisch aufgestanden und rausgegangen wäre. Das war eine Situation, in der ein NSC unsere L5R Charaktere in eine unausweichliche Lage gebracht hat: Er hatte versprochen, sie bei einer Anklage zu unterstützen, ist ihnen dann aber knallhart in den Rücken gefallen, die Charaktere waren in einer absolut hoffnungslosen, ausweglosen Hilflosigkeit/Machtlosigkeit gefangen. In der Situation selbst bin ich erstmal nur erstarrt, nach der Runde habe ich den anderen aber auch mitgeteilt, dass ich das sehr unangenehm fand und solche Situationen nicht mehr spielen möchte. Das war dann auch ok. Das ist vermutlich ein eher ungewöhnliches Tabu, wenn man bedenkt, dass ich mit Themen wie Gewalt, Rassismus, usw. im Rollenspiel keine Probleme habe - zumindest habe ich sie noch nicht entdeckt.

4. Wie reagierst Du, wenn ein Spieler sich in- oder out-game in deine persönliche No-Go-Area begibt, vielleicht sogar nachhaltig und gezielt?

Da mir das noch nicht passiert ist, kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten. Unsere Gruppe ist da aber sehr zuvorkommend. Wenn etwas jemandem nicht zusagt, wird das akzeptiert und nicht mehr bzw. nicht mehr so intensiv angesprochen. Bei "Die schreckliche Welt des Paul Wegner" beispielsweise hat der SL gewarnt, dass es um ein Tabuthema gehen wird und ob das für sie in Ordnung ist. Welches, wurde zwar nicht gesagt, um nicht zu viel des Twists vorwegzunehmen, aber die Spieler haben wohl mit etwas anderem gerechnet. Als dann klar wurde, worum es ging, hat einer der Spieler fast komplett aufgehört zu spielen, weil er so geschockt war und einem zweiten war seine Abneigung zumindest anzumerken. Das Thema dieses Szenarios wurde daraufhin auch nie wieder in irgendeiner Weise angeschnitten, da die Grenzen akzeptiert wurden. Bei neuen Spielern wird auch vorher nachgefragt, welche Dinge sie nicht bespielen wollen, aber manchmal ist man sich ja selbst nicht bewusst, wo die eigenen Grenzen liegen, bis man mit ihnen konfrontiert wird. Auch bei einer Spielerin, die explizite Gewaltbeschreibung nicht mochte, ist der SL darauf eingegangen und hat diese in ihrer Anwesenheit etwas zurückgeschraubt.

5. Als dezenter, die Immersion nicht störender Hinweis auf das Überschreiten einer roten Linie wird gerne auf das Konzept der X-Card verwiesen. Nutzt Du dies? Wie sind Deine Erfahrungen damit oder warum verwendest Du sie nicht?

Wir haben eine regelmäßige Gruppe, wobei hin und wieder einzelne Spieler wechseln. Diese kennen sich alle schon eine Weile und wissen daher, wie und was unser SL leitet. Kommt ein neuer Spieler dazu, spielen wir erst einmal gemäßigtere Szenarien und sprechen dann Grenzen und so ab. Das wird dann meist auch noch durch eine Steigerung von Szenario zu Szenario ausgetestet. Da unsere Spieler ohnehin hin und wieder mit OT Kommentaren die Immersion brechen, sind auch Hinweise wie "Bäh, die Beschreibung war jetzt aber echt grenzwertig/eklig" kein Problem. Eine rote Karte oder dergleichen brauchen wir also nicht, da es einfach nicht zu unserer Spielkultur passt.

Bonusfrage(nkomplex): Auf einer zunehmenden Zahl an Veranstaltungen werden klare Regeln hinsichtlich des No-Gos von sexueller Belästigung und dem Umgang damit aufgestellt und propagiert. Wie ist Deine Meinung dazu, brauchen wir das explizit oder sollte das nicht in der Gesellschaft verankert sein? Ist das nur eine "modische" Folge des #meetoo-Hypes? Ist das im Rollenspielumfeld 2018 wirklich nötig? Fühlt ihr euch damit wirklich besser oder verkrampft das die Situation nur?

Sexuelle Belästigung ist ein durchaus brisantes Thema. Da ich jetzt eine Weile auf keinen Conventions mehr war, habe ich leider keinen Überblick darüber, in welcher Weise derzeit darüber gesprochen wird. In Verbindung mit Rollenspiel würde ich sagen, dass es sicherlich zu jenen Themen gehört, die vor einer Runde definitiv abgesprochen werden sollten - Go, No-Go, Schmerzgrenzen. Das geht bei privaten und längerbestehenden Gruppen einfacher als auf Cons, wo die Szenarien nunmal festgelegt sind.

Con-Runden, in welchen das Thema vorkommt, dürfen genauso gekennzeichnet werden wie jene, in denen explizite Gewalt, Abtreibung, Rassismus oder Nationalsozialismus vorkommen, immerhin gibt es einige Spieler, die so etwas nicht bespielen möchten und auf Conventions sollte man sich ja Runden aussuchen können, die einem zusagen. Mehr braucht es aber meiner Meinung nach nicht. Wenn ich sehe, dass ein Thema in der Beschreibung steht, mit dem ich nichts zu tun haben möchte, dann melde ich mich nicht für diese Runde an und fertig. Dieses Aufbauschen solcher Themen geht mir tierisch auf die Nerven. Für Rollenspiele ist nur wichtig ob Ja oder Nein und fertig.

Ich für mich kann sagen, dass es okay ist, das Thema ins Spiel einzubringen - unsere Gruppe spielt oft mit psychologischem Horror und da kann es durchaus dazugehören, falls es ins Szenario passt. Das kann ein ganz anderes Gefühl erzeugen als beispielsweise ein Großer Alter oder ein anderes Übernatürliches Phänomen, es fühlt sich echter und intensiver an, eine so realistische Art von Horror/Angst zu erleben. Eine Szene ist mir da besonders in Erinnerung geblieben. Es handelte sich nicht um sexuelle Gewalt als solche, aber ich denke, sie hat so intensiv auf mich gewirkt, weil ich eine Frau bin. Ein Mann wäre ganz anders damit umgegangen. In der besagten Szene wurde mein Charakter von einem unheimlichen Mann beobachtet und verfolgt, mehrfach angerufen und bedroht. Das ist mir richtig unter die Haut gegangen und eine der denkwürdigsten Szenen, die ich erlebt habe. Und ich bin dankbar dafür. Ich bin auch dankbar für Bluebeards Bride, da es eine ganz andere Art von Horror beinhaltet. Ein Horror, der intensiver gegen Frauen gerichtet ist, ein Horror, der sonst eher Tabu ist, weil sich viele damit unwohl fühlen. Ich finde es erfrischend, dass man auch mal offen damit umgehen kann und dass es ein Horror ist, mit dem ich mich identifizieren kann. Im Rollenspiel dürfen Tabuthemen gerne - im Einverständnis mit der Gruppe selbstredend - genutzt werden, um auch mal andere Gefühle als nur Freude über das eigene Heldentum zu empfinden. Das liegt natürlich alles im Ermessen der Gruppe. Jede sollte für sich entscheiden, ob sie lieber eine glückliche Heldengeschichte ohne Rassismus und andere soziale Probleme bespielen will, ob man in einer perfekten Zukunft zu den Sternen reist, ob man lieber Kultisten jagt und sich für Großen Alten fürchtet oder ob man noch andere Grenzen überschreitet. Alles ist möglich, jedem das seine.

Rollenspiel ist eben nur ein Spiel. Das heißt, dass es all das sein kann, was ich möchte und die Gefühle in mir auslösen darf, die ich möchte. Es heißt auch, dass ich Nein zu bestimmten Themen sagen darf, wenn ich mich unwohl damit fühle. Ich muss aber nicht groß darüber diskutieren, ob ein Thema, das mir gegen den Strich geht, im Rollenspiel generell nichts zu suchen hat, denn nur weil ich so empfinde, heißt es nicht, dass es allen anderen genauso ergeht. Meine Grenzen sind nicht die Grenzen anderer und ich habe kein Recht, anderen etwas zu ge- oder verbieten. Es ist nur ein Spiel.

Kommentare:

  1. Danke für Deine sehr ausführlichen Antworten! Für mich waren da ein paar sehr interessante Punkte bei, an die ich selber überhaupt nicht gedacht habe.

    Und ja, man muss sicherlich eine deutliche Unterscheidung zwischen den Spielen am heimischen Wohnzimmertisch und denen auf öffentlichen Conventions machen. Auf der einen Seite ist man mit (guten) Bekannten, auf der anderen mit völlig Fremden und schon schützt die heimische Komfortzone des alteingesessenen, gewachsenen Gruppenvertrags (möglicherweise) nicht mehr.

    Ich hoffe, dass es aber letztlich immer dabei bleibt, was Du sagst: ein Spiel.

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    1. An was z.B. hast du denn nicht gedacht?

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    2. Beispielsweise die Ex-Partnerinnen/Ex-Partner waren mir nicht in den Sinn gekommen als Personen, die man möglicherweise nicht an seinem Spieltisch haben möchte. Das liegt aber vermutlich auch daran, dass ich derer nicht so viel habe, bzw. diese auch nicht rollenspielaffin waren.

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