Montag, 23. Mai 2016

Unknown Armies 3 Testphase Teil 5


Tagebuchauszüge von Gabriel Stefani (dankenswerterweise vom Spieler zur Verfügung gestellt)

2016-04-01, Freitag, Newtonville/WA.
Das Treffen vorhin verlief viel ansprechender als befürchtet. Erwartungsgemäß wurde es weniger koordiniert durch Luna als durch seine Teilnehmer. Wir begannen, nachdem wir die Ablenkung durch einen Penner überwunden hatten - übelriechender Mensch, wohl mit einer ernsten Wahrnehmungsstörung... erbettelte sich zunächst eine Mahlzeit, verlangte dann eine Sonderbehandlung, indem er Luna bat, ihm das angebotene Curry ohne Fleischeinlage zu servieren, wollte die Mahlzeit zunächst gegen einen toten Vogel eintauschen, mit dem er sich angeregt unterhielt, und schließlich tunkte er den Vogel in das Curry. Verrückt. Sei's drum.

Ich war angenehm überrascht, den von mir hochgeschätzten Mr. Kowalsky im Moonbird zu treffen, ebenso Lunas ältere Schwester, Miss Amber, die ich seit ihrer Jugendzeit vor bestimmt zehn, zwölf Jahren nicht mehr getroffen hatte. Eine angenehme, vertrauenswürdige Runde.

Wir diskutierten angeregt. Zwar konnte niemand mit einem Vorschlag aufwarten, was mit meinem Crowley-Haus vorgehen möge. Ein Blick von außen auf das Problem hat jedoch nicht geschadet. Man wird ja betriebsblind! Meine Fotos von verschiedenen Baustadien können von den Motiven her überall aufgenommen worden sein... oder erschienen, sofern in der Totalen aufgenommen, an den Rändern überbelichtet, sodass die Umgebung nicht eindeutig identifizierbar war. Kann ich meiner Erinnerung noch trauen? Ja! Aber immerhin ein Ansatzpunkt.

Außerdem fiel auf, dass jeder von uns mit ähnlichen Begegnungen mit einem hellen Lichtphänomen aufwarten konnte. Bei der Frage, worum es sich handele, gingen die Ansichten
auseinander. Miss Amber schlug vor, es könne sich um Geister handeln. Mr. Kowalsky tendierte zu bloßen Halluzinationen. Luna argumentierte überzeugend, dass auf meine Wahrnehmung die Trauer um meine verstorbene Frau einwirken könnte. Mr. Kowalsky befürchtete, dass Erkrankungen oder die Aufnahme von Halluzinogenen durch Nahrung oder Trinkwasser der Grund für die Erscheinungen seien. Dies schien uns die plausibelste Erklärung zu sein, also vereinbarten wir, in den nächsten Wochen unsere Ess- und Trinkgewohnheiten, und das Auftreten der Leuchterscheinungen zu protokollieren.

Wir alle stimmten jedenfalls in unserer Sorge um den Nachbarschafts- und Jugendschutz überein und vereinbarten, zukünftig eng zusammenzuarbeiten. Die Damen schlugen motiviert regelmäßige Treffen unserer Runde vor, wobei Luna den Keller des Moonbirds bereitstellte und Miss Amber sich erbot, dort für uns Platz zu schaffen. Mr. Kowalsky und mir kam alsbald in den Sinn, unsere Runde als dauerhaftere Korporation zu verfassen: Als gemeinnützige und damit steuersparende und rechtskräftig vertretbare wie auch gesellschaftlich ansehnliche Stiftung. Lebhaft diskutierten wir den Namen und einigten uns auf "Light And Order - Healthcare And Science Charitable Institute For Young Citizens And Students". Wir Herren wollen uns in den nächsten Wochen um die nötigen Schritte kümmern.

2016-04-22, Freitag, Newtonville/WA
Es ist vollbracht! Das Light And Order Institute steht - nach einigen Amtsgängen und produktiven Treffen mit Mr. Kowalsky. Er tritt als Geschäftsführer der Stiftung auf. Ich werde dem Förderkreis vorsitzen und schieße zunächst 10.000$ auf das von ihm bei seiner Bank eingerichtete Stiftungskonto vor. Wir haben unser Institut als Anbieter von Nachmittags-, Ganztagsschul- und Freizeitangeboten bei der St. James Private School registriert. Luna bietet als sachverständige Jugendleiterin von Light And Order wöchentliche Yogakurse an, welche gute Anfangserfolge aufweisen. Sie bemüht sich außerdem gemeinsam mit einer Freundin um die Gewinnung von Interessenten für unser Anliegen. Miss Amber tritt außerdem als unsere Jugend-, Lebens- und Ernährungsberaterin auf. Unsere Erstkontakte waren jedoch noch zu scheu, um ein solches Angebot anzunehmen. Ich fände es jedenfalls erfreulich, wenn wir noch weitere Förderer für unser Unterfangen gewinnen könnten. Wir haben im Keller des Moonbirds nun einen kleinen Dunkelraum zur Selbstentwicklung von Analogfotografien freigeräumt, sowie einen eigenen Sitzungsraum. Mr. Kowalsky plant ebenfalls die Anschaffung von chemischen Analysemöglichkeiten - der Experimentiertisch steht immerhin schon. Heute Abend wollen wir uns wieder treffen, und unsere Fortschritte und Notizen vergleichen.


2016-04-24, Sonntag, Newtonville/WA
Liebes Tagebuch, die Seltsamkeiten häufen sich. Ich schreibe diesen Eintrag im Moonbird, während die Damen gerade einige Gegenstände suchen und inspizieren.

Beginnen wir mit Vagabund und Mädchen, (Ed, oder Al, oder Oz, oder wie der Landstreicher genannt wird). Unsere Light&Order-Besprechung am Freitag wurde mehrmals von lautem Klopfen gestört, welches ungehindert von der Isolierung unerklärlicherweise bis in den Keller drang. An der Tür war jedoch niemand weit und breit. Erst als es klingelte stand der Vagabund vor der Tür - mit einem riesigen, vermutlich geklauten Einkaufswagen, voller Schmutz und Müll und mit einem traumatisierten und unterkühlten kleinen Mädchen im Schlepptau, was er bei Jane's aufgelesen haben wollte. Er behauptete erstens steif und fest, vormals geklopft zu haben. Für Streiche schien er weder aufgelegt, noch schnell genug auf den Beinen. Das Mädchen hieß Lilian und war die Jüngste von einer engen Freundin von Luna, welche schon vermisst und polizeilich gesucht wurde. Natürlich halfen wir und nach uns sollte auch Ed vernommen werden - und in all seiner Erbärmlichkeit entspann sich ein unwürdiges Schauspiel exekutiver Machtanmaßung und polizeilicher Willkür, typisch für die unfähigen unteren Organe, die durch unsere Volksvertreter eingesetzt werden. Mir gelang es einzuschreiten.

Die Staatsmacht nahm den Vagabunden zwar für die berüchtigten 24 Stunden in Gewahrsam, doch ich erbot mich, ihn nachts darauf abzuholen, um ihn nicht abermals unverdienter Prügel auszusetzen. Ich hatte schon bessere Ideen. Er kauerte sich auf den Beifahrersitz, als habe er Furcht, jeden Moment zerquetscht zu werden. Seine Rede war kryptisch, doch sein Wortgebrauch verriet auf Schlüssigkeit in sich bedachte Gedankengänge – mehrere Fremdworte und die Erklärung abstrakter Konzepte verrieten auch eine solide, wenn nicht sogar höhere Bildung. Natürlich war er stark auf Nahrung fokussiert, und auf die Konzepte von Tausch und Gerechtigkeit. Vom Teilen und gleichzeitiger Nutzung schien er dagegen nichts zu halten. Er gab jedenfalls an, für die Münzen, von denen er zuweilen eine gute Handvoll zur Entscheidungsfindung benötigt, getaucht zu haben. Vermutlich meinte er damit: Von der Straße aufgelesen, da er es zu vermeiden scheint, den asphaltierten Boden mit bloßen Füßen zu berühren. Vermutlich hält er ihn für das Meer. Er verlangte, zum Schrottplatz gefahren zu werden, womit er jedoch das Jane's meinte. Als Dank für die Fahrt steckte er sich den Finger in den Hals und kotzte mir schließlich von außen gegen die Autotür. Gemüsereste, Knochen, und was immer das auch einmal gewesen sein mochte. Wie kommt ein Mann auf solche Gedanken? Am Sonntag stand er schon wieder am Laden und spielte ein Spiel mit mehreren toten Ratten, die er auf Kreidezeichnungen nach der Art von Himmel-und-Hölle warf. Er meinte, dass wir mitspielen mögen, dass wir unsere eigenen Ratten töten sollten - was in Ordnung sei, denn Ratten seien Verräter. Erinnerte mich daran, dass er kürzlich erst zwei tote und präparierte Ratten bei Luna gegen Essen eingetauscht hatte. Rätselhaft: Er hatte ihre Gedärme entfernt und stattdessen Steine in die Bauchgrube gesteckt, und die Augen durch Knopfaugen ersetzt. Er erzählte jedenfalls auch von Ordnung und Chaos, dass bei uns ja jetzt Licht und Ordnung sei, und dass wir uns vor dem Regen in acht nehmen sollten - aber auch vor Sonnenschein, weswegen wir am besten nicht einmal das Haus verlassen sollten. Kuriose Gestalt. Treibt vor dem Haus immer noch seine Spiele.

Doch zurück zum Unerklärlichen: Zu Miss Amber, Mr. Kowalsky und zunächst, was mit ihnen während des Klopfens am Freitag geschah. Während Luna und ich zum zweiten Mal hoch zur Tür stürzten, geschah unten im Keller etwas, was Mr. Kowalsky in wahrnehmungslose Starre mit gesträubten Haaren versetzte, und den restlichen Raum um Miss Amber, einschließlich des eben noch heißen Tees unter den Gefrierpunkt abkühlte. Miss Amber verriet, dass sie eine spontane Seance mit einem Geist abhalten wollte, dabei allerdings gescheitert sei. Unheimlich, rätselhaft, beunruhigend, fesselnd... zweifellos jedoch übernatürlich.

Später am Tag kamen Luna und Mr. Kowalsky mit einem Bild in schwarzweiß im Gepäck von einem Besuch bei seiner Mutter im Golden Plains wieder, und berichteten etwas von weißen Räumen und der Dynamik ihrer Beleuchtungsverhältnisse... jedenfalls seien sie - Mr. Kowalsky beschwerte sich aufgebracht über eine Art von Hypnose - von dem Bild gebannt worden, weswegen sie es aus der Galerie, die sich wohl im Golden Plains gesammelt sein muss, mitgebracht hätten. Nun, dass mich ein Gemälde so fesselte, dass ich es kaufen musste, so ging es mir schon häufiger. Mr. Kowalsky - ein brillanter Finanzier, jedoch bislang meiner Einschätzung nach nicht besonders offen für die schönen Dinge des Lebens - war die Erfahrung wohl neu. Nun, einmal ist immer das erste Mal, wenn die Geschmäcker auch verschieden sind. Was immer die beiden auf der Leinwand auch sahen... ich jedenfalls konnte an der unspektakulären abstrakten Zeichnung nichts Außergewöhnliches erkennen. Trotzdem verhielten sich die Damen sehr bedeutsam und hängten es im Laden auf. Dabei beließen wir es immerhin auch - Miss Amber und ich hatten nämlich drängende Entdeckungen gemacht: Sie erwies sich als angenehme und interessierte Partnerin für einen Besuch bei meinem rätselhaften J.R.-Crowley-Haus. Nicht nur kam sie schnell mit Nachbarn und Passanten ins Gespräch, sondern half auch beim Nachstellen der Dokumentationsbilder im jetzigen Zustand und bei der Entwicklung der Filme. Vor Ort im Haus waren nur die Einbruchsspuren eines Obdachlosen und Reste chinesischer Fastfoodverpackungen zu bemerken. Auch ein von ihr gemurmeltes Schutzritual veränderte den Zustand des Gemäuers nicht. Die entwickelten Fotos jedoch waren äußerst kurios. Sie zeigten erstens ab dem Zeitpunkt, da Miss Amber zum Fototermin ihr Schutzritual durchführte, Zimmer und Gebäude in wechselndem Alter und Bauzustand. Zweitens erschienen auch bei diesem Durchlauf alle Umgebungscharakteristika, die den Standort des Gebäudes bestimmen könnten, als überbelichtet und damit unidentifizierbar. Drittens zeigten sie teilweise eine schattenhafte Gestalt - mal nur als Hand an einer Wand sichtbar, mal schlank, gesichtslos und - auf den Bildern! - beweglich, sodass die Bewegungen aus den Bildern hinein oder heraus huschten. Wir bemühten uns vergeblich, die geisterhafte Gestalt mithilfe eines Salzkreises zu bannen. Sobald wir unsere Ergebnisse Luna und Mr. Kowalsky zeigen wollten, waren die Bilder leer - komplett weiß!

Die Schwestern berieten sich daraufhin und wir suchten einen alten Spiegel noch aus Zeiten ihrer Mutter auf, der angeblich jedem, der hineinschauen sollte, seine wahre Gestalt zeigen sollte. Erschreckt gaben sie zunächst an, beim Abstauben des Artefakts einen Geist gesehen zu haben. Ich konnte das nicht bestätigen... wohl aber, dass der Spiegel kein Gewöhnlicher war. Ich sah mein Spiegelbild, jedoch ohne Gesicht, nur mit konturierten Haaren und in einem Anzug, der in Windeseile abblätterte und schwarzes Fleisch freilegte. Auch die weißen Bilder begannen im Spiegelbild zu flackern und zu flimmern, und in unregelmäßigen Abständen den Schemen im J.R.-Crowley-Haus zu zeigen... diesmal auch als schwebendes, konturloses Gesicht, welches mich direkt anzublicken schien. So schnell der Anblick kam, verschwand er jedoch auch wieder.

Eine jüngste Überraschung bot sich vorhin im Besuch des neu in die Stadt zugezogenen Mr. Teller im Moonbird. Er zeigte sich kundig in esoterischen Dingen, war voll des Lobes über den Laden und zeigte Interesse an einer längerfristigen Förderung unseres Instituts. Fast zu schön, um wahr zu sein! Er schien ebenfalls darauf bedacht, sich einen genauen Eindruck von den Fähigkeiten, Methoden und Motiven unserer Runde zu machen. Luna überraschte mit dem Trick, Blind ein Buch aus einem Regal herauszuziehen, welches ihn interessierte. Aus einem Regal, welches er sich vorher genau angesehen hatte. War Lunas Gabe, die er erwähnte, nur eine leere Schmeichelei, und täuschte er das bibliophile Interesse nur vor - oder erlebte ich tatsächlich ein kleines Wunder, vor dem ich bislang die Augen verschlossen hatte? Ich bin mir nicht sicher, was diese Szene bedeutete, aber ich bin mir sicher, dass in jenem Augenblick mit Luna gespielt wurde - und sie wie ein junger Beagle über ein Stöckchen sprang. Um dem einen Riegel vorzuschieben und Mr. Tellers Einstellung zu testen, trat ich als sein Konkurrent beim Kauf des Buches auf. Ich hatte die Absicht, ihm im Erfolgsfall das Buch bei unserem nächsten Treffen zu schenken, und darüber einen Einblick in seine Interessen zu erlangen. Er erwies sich als Sportsmann, auch wenn Luna mir sogleich ängstlich wieder in die Parade fuhr. Festzuhalten ist, dass Mr. Teller wohlhabend ist - und darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen.

Wir vereinbarten soeben, dass wir uns alsbald telefonisch miteinander in Verbindung setzen wollten, damit ich für ihn den preislichen Wert seines Grundstücks schätze - und, damit ich ihm eine Mitgliedschaftsvereinbarung für den Förderkreis des "Light And Order – Healthcare and Science Institute for Students and Young Citizens" vorbeibringen konnte.

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